Wie der Baum der Erkenntnis nach Deutschland kam

Wir, Marianne und Lasse Berger, haben „Kunskapens Träd“, den Baum der Erkenntnis, 2003 übersetzt und herausgebracht.

Wir sind beide Lehrer und haben in Stadtteilen gearbeitet, in denen die Nicht-Privilegierten unserer Gesellschaft leben. Unsere Schülerinnen und Schüler standen leider nicht an erster Stelle der Gesellschaft. Immer wieder mussten wir erleben, wie unser Bildungssystem gerade diese Kinder benachteiligt.

Marianne Berger: In den letzten Jahren meiner Dienstzeit arbeitete ich an einer Grundschule im sozialen Brennpunkt. In meine 1. Klasse kamen viele Kinder mit geringen Deutsch-Kenntnissen – aber es war nicht nur die Sprache, es fehlten viele alltägliche Grunderfahrungen – Voraussetzungen für ein erfolgreiches Lernen in der Schule.

Natürlich konnten auch diese Kinder etwas, alle Kinder lernen vor der Schule in ihrer Umwelt. Nur waren das oft Kompetenzen, die in der Schule nicht abgefragt wurden!

Ich versuchte also, sie zu bestärken. Viel ging über Sachunterricht, über praktisches Tun, über Spiele - und Mut-machen!

Und sie machten Fortschritte und waren stolz darauf.

Aber nach 4 Jahren hört in Deutschland die gemeinsame Grundschule auf.

Es wird sortiert!

Ihre großen Fortschritte waren für viele meiner Schüler und Schülerinnen noch nicht groß genug, sie hätten mehr Zeit gebraucht. Aussortiert!

Was bedeutet das für das Selbstbild eines Kindes? Und für den weiteren Lebensweg?! Welch ein unmenschliches Bildungssystem leisten wir uns da immer noch!

Ende der 60-iger/ Anfang der 70-iger Jahre wurden in Deutschland die ersten Gesamtschulen gegründet. Sie verfolgten das Ziel, das dreigliedrige Schulsystem aufzuheben und alle Schülerinnen und Schüler gemeinsam bis zur 10. Klasse zu unterrichten. Das entsprach unseren Vorstellungen, und so wurden wir Gesamtschullehrer.

In Schweden gibt es seit 1962 eine neunjährige, gemeinsame Pflichtschule. Mit ihr wurde das bis dahin geltende zweigliedrige System abgeschafft – Ein Vorbild für uns als Gesamtschullehrer!

Lasse, als Schwede, nahm Kontakte zu Schulen in Halmstad auf und organisierte erste Fahrten mit Kolleginnen und Kollegen unserer Gesamtschule dorthin. Wir wurden mit offenen Armen empfangen und nahmen wertvolle Anregungen mit nach Bremen. In den folgenden Jahren erweiterte sich der Kreis der Teilnehmer dieser Studienfahrten um andere Berufsgruppen, die mit Kindern und Jugendlichen arbeiten. Immer wieder beeindruckten die entspannte freundliche Atmosphäre in schwedischen Bildungseinrichtungen, der respektvolle Umgang und der ganzheitliche Ansatz. Und: Die Vorschule ist die erste Stufe des schwedischen Bildungswesens.

1998 waren wir mit einer Studiengruppe in der Kinder- und Jugendbehörde in Halmstad – „Kunskapens träd“ war gerade fertig geworden und wurde uns nun vorgestellt. Der Vortrag weckte große Begeisterung, und auch wir waren überzeugt: Dieser Baum der Erkenntnis passt zu uns!!!

2002 bekamen wir den letzten Anstoß, uns an eine Übersetzung zu wagen. Eine Gruppe von Mitgliedern der Gewerkschaft ver.di. lernte Kunskapens Träd in Halmstad kennen und überzeugte uns, dass dieses Material unbedingt in Deutschland gebraucht werde.

Verhandlungen und Vereinbarungen mit den Herausgebern, Kinder- und Jugendbehörde Halmstad, Gespräche in der Druckerei, die die Vorlagen hatte – grünes Licht für eine Übersetzung!

Der „Baum der Erkenntnis“ erschien 2003 in deutscher Sprache. Gerade hatten die Ergebnisse der ersten PISA- und IGLU-Studien eine bundesweite Diskussion über das Bildungswesen in Deutschland ausgelöst. Man fragte sich, was die skandinavischen Länder anders machen, um zu solch guten Ergebnissen zu gelangen. Entwicklung und Lernen mussten neu gedacht werden. Die Bedeutung frühkindlicher Bildung rückte in den Fokus.

Im Oktober 2003 kam die erste Palette mit „Bäumen“ in Bremen an. Die

Senatorin für Soziales und Jugend in Bremen, Karin Röpke, gab dazu eine Pressekonferenz. In der Mitgliederzeitung der GEW „Erziehung und Wissenschaft“ erschien eine Rezension. Die ersten Bestellungen erreichten uns.

Eine Veranstaltungsreihe von ver.di mit Göran Frisk aus der Kinder- und Jugendbehörde in Halmstad erreichte ein größeres Publikum. Wir übersetzten und berichteten über unsere Eindrücke in schwedischen Bildungseinrichtungen. Harald Giesecke von der ver.di-Bundesverwaltung leitete die Veranstaltungen zusammen mit den örtlichen ver.di-Vorständen. Die Resonanz bei Zuhörern: überwiegend begeistert. Viele Kontakte. Viel Spaß! So reiste der „Baum“ erstmals durch Deutschland und schlug kräftige Wurzeln.

Die ersten 5000 Exemplare waren schon nach vier Monaten verkauft.

Und an unserem 10.Jubiläum stellten wir fest: Über 140 000 Exemplare in Deutschland, aber auch in Österreich und der Schweiz, verkauft. Und täglich erreichen uns neue Bestellungen. 14 000 Teilnehmer in unseren eigenen Fortbildungsveranstaltungen, nicht gerechnet die Fortbildungen anderer Referenten

Besonders freuen wir uns immer über die vielen positiven Rückmeldungen aus den Einrichtungen, die längere Zeit mit dem „Baum“ arbeiten.

Wir hören,

  • dass sich die pädagogischen Gespräche in den Teams verändern, dass der Blick auf die Stärken der Kinder gerichtet wird,
  • dass die Kinder motiviert werden, über ihre eigene Entwicklung zu reflektieren, und bestärkt werden: Ich kann etwas!
  • dass die Eltern über die Dokumentationen im Baum besser verstehen, was zur Entwicklung gehört und wie sie selber dazu beitragen können
  • dass Erzieherinnen durch diese Arbeit selbstbewusster werden.

Man kann also doch etwas von unten verändern!

Das macht Mut zum Weitermachen.

Dank an alle, die uns auf diesem Weg geholfen haben!

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